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Das Facebook-Experiment

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Vor ungefähr sechs Wochen überdachte ich meine Entscheidung, nicht an Facebook teilzunehmen. Für dieses Umdenken gab es vor allem zwei Gründe. Zum einen wollte ich Facebook kennen und verstehen lernen, um meinen Kindern zu gegebener Zeit wertvolle Ratschläge geben zu können. Zum anderen gibt es viele Informationen, die man nur, oder hauptsächlich, innerhalb von Facebook bekommt - von denen wollte ich mich nicht ausschließen. Also registrierte ich mir erneut einen Facebook-Zugang und startete den Selbstversuch.

Heute bin ich, was meinen persönlichen Bedarf von Facebook angeht, schlauer. Gleich nach dem Einrichten meines Accounts fing ich an, meine altbekannten Kontakte zusammen zu sammeln. Leute also, mit denen man sowieso regelmäßigen Kontakt hat. Nachdem sich die ersten Kontakte in der Freundesliste wiederfanden, schlug Facebook weitere Freunde vor. Die meisten davon kenne ich nicht, andere schon ... aber wirkliche Freunde im herkömmlichen Sinn sind die wenigsten. Trotzdem landete der eine oder andere in der Liste. Und sogar noch einige, die ich zwar kenne, mit denen ich aber eher wenig zu tun habe.

Meine Freundesliste umfasst heute also drei Kategorien von "Freunden". Freunde, die ich regelmäßig treffe, Bekannte, und zuletzt Leute, die ich kenne.

Was vor allem fehlt sind Freunde, die ich nicht sehe, zum Beispiel solche, die ich vor 15-20 Jahren aus den Augen verloren habe. Damals gab es Facebook allerdings noch nicht. Und solche Freunde, die regional so weit weg wohnen, dass Facebook auch hier eine Erleichterung schaffen könnte. Erstere einzufangen ist quasi unmöglich, da sie a) entweder nicht bei Facebook angemeldet, oder sich durch b) Heirat und Namensänderung dem "Zugriff entzogen" haben.

Und dann sind da natürlich noch die, die man von früher kennt und sich kurz vor dem Klick auf "Freundschaftsanfrage senden" fragt, ob es nicht besser ist, wenn diese mittelfristig in Vergessenheit geraten. Freunde, mit denen man den Kontakt nicht auf anderem Wege halten kann, sind es vielleicht nicht wert, in der Freundesliste zu landen.

Wie dem auch sei, ich bin jedenfalls in einem Alter, in dem mir seinerzeit die für mich wichtigen Leute entgangen sind, weil es schlicht noch kein Facebook gab. Und ich bin in einem Alter, wo ich kein Facebook brauche, um Einladungen zu empfangen. Mir entgeht nichts, weil ich keine nennenswerte Kontaktpflege über Facebook betreibe. Würde ich jedoch in der heutigen Zeit aufwachsen, wäre Facebook vermutlich ein zentrales Kommunikationsmittel .... sogesehen kann ich verstehen, dass viele derart "abhängig" davon sind.

Was mich darüber hinaus bei Facebook stört ist das Prinzip der »Likes«. Wenn ich an einem Thema interessiert bin, gefällt es mir dann auch? Und geht das auch andere Leute etwas an? Klar, ich kann die Datenschutzeinstellungen so zurecht drehen, dass nur ich meine Aktivitäten sehe. Aber brauche ich dann noch Facebook? Wohl eher nicht, oder? Oder ich kann die Einstellungen so feingranular treffen, dass jeder wirklich nur das zu sehen bekommt, was er auch sehen soll. Aber dafür reichen mir 24h am Tag nicht aus. Wer soll das bei Freundeslisten von 50, 100, 250 oder mehr Personen noch überblicken? Ich nicht!

Und überhaupt ... was die Datenschutzeinstellungen angeht ... das war ja eigentlich mein Hauptanlass, eben diese Datenschutzeinstellungen kennen zu lernen, um den Kids dann irgendwann helfend zur Hand zu gehen. Aber mal ehrlich .. dieses Einstellungswirrwarr ist ohne fremde Hilfe (=Anleitungen) kaum zu bewältigen. Verteilt über diverse Optionen und Menüpunkte finden sich Optionen, die auch beim zweiten und dritten Hinlesen inhaltlich nicht immer zu begreifen sind. Negativbeispiele für falsche getroffenen Einstellungen gibt es fast täglich in der Presse. Lohnt es sich, hier massig Zeit und Mühe in fehlerbehaftete Einstellungsauswahlen zu investieren für eine Sache, die man für sich selbst nicht wirklich braucht?

Fazit: Facebook mag eine tolle Sache sein, wenn man damit aufwächst und es als modernes Kommunikationsmedium nutzt. Ich brauche es nicht, verloren gegangene Kontakte bringt es mir nicht zurück, aktuelle Kontakte pflege ich auch so. Dafür hat es für mich einen extrem hohen Nervfaktor, weil mich vermeintliche Freunde mit Fotos ihrer Mittagessen, Freundschaftsnüssen oder Witz-Erdbeeren quälen. Man kann vieles davon ausblenden, aber ich möchte keine Zeit damit verschwenden zu konfigurieren, was ich alles nicht lesen will.

Vielleicht ändert sich meine Einstellung zu Facebook in Zukunft wieder und ich unternehme zu gegebener Zeit einen neuen Versuch. Facebook wird in Zukunft wohl eher wichtiger werden, das Prinzip der Places wird sich stark ausbreiten und auch Connect und Open Graph legen eine beispiellose Entwicklung hin.

Für den Moment werde ich meinen Account aber wohl in naher Zukunft löschen.

zusätzliche Anmerkung: Der o.g. Artikel ist ein in weiten Punkten sozialkritischer Artikel. Das ich neben der allgemeinen Kritik große datenschutz- und technische Probleme sehe steht zusätzlich auf einem anderen Blatt.

Geschrieben von cryptosteve | Kommentieren
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05.06.2011 um 23:38:00

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1 Kommentar zu Das Facebook-Experiment

  1. Meine Lebensgefährtin und ich arbeiten seit langer Zeit in der IT-Branche und so manchen Schmarrn kommen und gehen sehen. Daher sind wir der Meinung, unsere Tochter soll in einer realen Welt aufwachsen, in der sie die Erfahrungen sammelt, wer ein echter Freund ist und wer nicht. Sicherlich werden wir unserer Tochter auf die "Internetwelt" mit all ihren Facetten zeigen, erklären und auf Fallstricke aufmerksam machen.
    Aber Facebook sorgt nach unserer Ansicht dafür, dass der Sinn für Realität und gesundem Menschenverstand verloren geht und das ist schlecht. Das wird sich spätestens im Berufsleben bemerkbar machen, wenn es um die allseits beschworene Teamfähigkeit und Sozialkompetenz geht. Dann werden die Facebookies merken, dass man den Kollegen nicht einfach von einer Liste streichen kann. Sie werden es dann nicht schaffen, den Konflikt mit dem Kollegen oder anderen real existierenden Menschen eigenständig zu lösen.

    In diesem Sinne...

    NixFacebook

    06 Jun 11 um 20:23

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